Teilnehmer berichten

Sonja Pschera, Teilnehmerin 2008 berichtet

...Eins jedoch hat mich am meisten bereichert: die vier Wochen von jugend.com in der Communität Hermannsburg und das Auslands-Praktikum bei euren Geschwistern in Südafrika. Dabei bin ich da eher zufällig hinein gerutscht. Ich brauchte für mein Studium noch ein Praktikum und wollte das gerne im Ausland machen. An Südafrika hatte ich dabei zunächst überhaupt nicht gedacht. Natürlich hatte ich bei euch viel über Südafrika gehört und fand das auch sehr interessant. Aber dass das etwas für mich sein könnte? Dafür schien mir die Kultur doch etwas zu fremd und die Aids- und Kriminalitätsproblematik zu krass.
Eigentlich wollte ich das Praktikum in Nordirland in einem Friedensprojekt machen. Doch die Nordiren sind nicht gerade gut darin, auf Email-Anfragen prompt zu antworten. Als ich mich darüber mal wieder tierisch aufgeregt habe, meinte Regina: "Dann geh doch einfach nach Südafrika!" "Stimmt, wieso eigentlich nicht?", war meine Antwort. Bis ich mich wirklich damit anfreunden konnte, hat es allerdings noch ein wenig gedauert. Es gab so einige Nächte, in denen ich darüber grübelte, ob das mit Südafrika wirklich so die tolle Idee war. Würde ich mich in der Kultur zurechtfinden? Wie sollte ich mit Aids und dem Tod umgehen? Wird mich das nicht viel zu sehr mitnehmen?
Das Programm bei jugend.com war total abwechslungsreich und spannend! Jeder aus dem Hermannsburger Konvent hat sich mit seinen Fähigkeiten eingebracht. So eine Themenvielfalt hatte ich seit meiner Schulzeit nicht mehr erlebt. Ich genoss es, mich mal wieder mit Musikstücken, soziologischen Texten, Kunst, Theater und der Tragödie Antigone auseinanderzusetzen und interessante Ausflüge zu machen. Für den Einsatz im Ausland wurden wir von Nina Dürr mit Cross-Culture-Unterricht vorbereitet, wo wir zum Beispiel die Unterschiede von Scham- und Schuldgesellschaft lernten. Dieses Wissen hat mir später in Südafrika sehr geholfen. Auch Gespräche mit Koinoniageschwistern, die schon in Südafrika und Äthiopien waren, erwiesen sich als große Hilfe.
Die Zeit in Südafrika bei euren Geschwistern in Mafikeng hat mich nachhaltig geprägt. Vielleicht haben gerade auch die schwierigen Erfahrungen dazu beigetragen, diese Zeit als so bereichernd erlebt zu haben:
Ilse-Marie Hiestermann ist Erzieherin. Mit ihr verbrachte ich die meiste Zeit im Kindergarten. Die Kinder waren sofort neugierig und wurden schon recht bald ein bisschen frech. Das Eis war also gebrochen, obwohl ich das ortsübliche Setswana nicht sprechen konnte. Erstaunlich wie mucksmäuschenstill es beim Essen werden konnte. Überhaupt erschienen sie mir viel disziplinierter als deutsche Kinder. Die meisten kamen aus schwierigen Verhältnissen. Einige kamen aus sehr armen Familien. Andere waren Waisenkinder und drei von ihnen HIV-positiv. Wie überrascht war ich demgegenüber immer wieder von ihrer Fröhlichkeit und Kreativität. Besonders draußen, wo sie meistens unbeaufsichtigt spielten, zeigten sich ihre Begabungen fürs Trommeln und Tanzen.
Undine Rauter ist Physiotherapeutin im Krankenhaus in Gelukspan. Dort führt sie regelmäßig Elternkurse in grundlegender Pflege für schwer behinderte Kinder durch. Einen Tag lang durfte ich mit ihr mitgehen. In Südafrika werden behinderte Kinder oft versteckt, weil Behinderung als Strafe der Ahnen gilt. Undine liegt viel daran zu vermitteln, dass es sich lohnt, ein behindertes Kind zu fördern. Vor diesem Tag hatte ich ziemlichen Respekt. Aber auch hier haben die Kinder sofort das Eis gebrochen. Während ich mit Undine den Materialraum aufräumte, kam eines der Kinder angelaufen und wurde gleich sehr anhänglich. Da blieb mir keine Zeit zum Nachdenken. Erstaunlich wie die Menschen hier ihr Schicksal meistern! Es war für mich sehr schön zu spüren, wie man Menschen mit kleinen Dingen eine große Freude machen kann. Ich hatte z.B. Seifenblasen mitgebracht. Davon waren nicht nur die Kinder völlig begeistert, sondern sogar die Eltern.
Wolfgang und Christel Hermann haben zusammen mit anderen ein Aidsprojekt aufgebaut, das inzwischen weit verzweigt ist. So war ich einen Tag lang mit den Home Care Givers unterwegs. Sie besuchen Familien, in denen Waisenkinder leben und Aidskranke. Wir waren in einem sehr armen Gebiet unterwegs. Oftmals lebt hier eine ganze Familie in einer Blechhütte, die kleiner als mein Zimmer ist (und das hat auch nur 12qm). In einer Hütte stank es ganz erbärmlich. Auf dem abgewetzten Sofa saß eine Frau, die Aids im Endstadium hatte. Sie war abgemagert und konnte nicht mehr alleine laufen. Ihr Mund und ihre Speiseröhre waren von einem Pilz befallen, so dass sie nichts mehr essen wollte. Mit ihren 46 Jahre hatte sie die derzeitig durchschnittliche Lebenserwartung einer Südafrikanerin schon überschritten. In einer anderen Familie waren beide Elternteile bereits an Aids gestorben. Die Kinder wachsen nun bei ihrer Großmutter auf. Eines der Kinder ist auch HIV-positiv, aber aufgrund der Medikamente geht es ihm recht gut.
Zum Aidsprojekt gehört schwerpunktmäßig Präventionsarbeit. Einen Workshop durfte ich miterleben. Hier werden Peer Educator ausgebildet (Jugend unterrichtet Jugend), die dann an Schulen Aidspräventions- und Werteunterricht erteilen. Bei diesem Workshop wurden mir einige Kulturunterschiede sehr deutlich. Tswanas sind stets auf Gemeinschaft ausgerichtet. Wenn jemand irgendwo alleine herumsitzt, ist er entweder krank, traurig oder böse. Ich durfte keine zwei Minuten alleine herumstehen oder –sitzen. Das fand ich doch recht anstrengend. Für mich schwer verständlich war auch, dass es in Südafrika äußerst schwierig ist, Kritik zu äußern. Man darf eigentlich nicht offen kritisieren. Das hat schnell zur Folge, dass Täter mehr geschützt werden als Opfer.
Die Tatsache, dass alle Mitglieder des südafrikanischen Konvents Deutsche sind, aber schon lange in Südafrika leben und beide Kulturen gut kennen, hat dazu beigetragen, dass ich viel aus dieser Zeit mitnehmen konnte. Gut dass ich die Strukturen der Communität Koinonia schon aus Deutschland kannte und mich deshalb voll und ganz auf Südafrika einlassen konnte. Jetzt bin ich froh, dass ich hier in Deutschland die Möglichkeit hatte, viele Vorträge zu halten und so von meinen Erfahrungen etwas weiterzugeben. Auch dabei habe ich noch einiges über die Menschheit lernen können. Eine alte Frau regte sich z.B. ständig über die Polygamie auf, wovon ich meinerseits völlig genervt war. Hinterher habe ich erfahren, dass sie jahrelang darunter zu leiden hatte, dass ihr Mann noch eine andere Frau neben ihr hatte. Und gerade bei älteren Menschen war ich manchmal erschrocken, was sie noch für ein Bild von Afrika haben. Als ob dort nur wilde und unzivilisierte Menschen herumliefen…
Ich möchte gerne 2010 noch einmal nach Südafrika reisen und hoffe, dass diese Erfahrungen mir nie wieder in Vergessenheit geraten. Und Euch wünsche ich als Kommunität, dass Ihr auch die nächsten 32 Jahre Charakterstärke besitzt, aber es trotzdem schafft, Euch weiterzuentwickeln und den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen!
Herzliche Grüße!
Eure Sonja

Rückkehr nach Südafrika, Bericht einer Teilnehmerin aus 2009

Nach JugendCom und meinem Aufenthalt in der ComSA kam ich nach Deutschland und hatte erst mal einen kräftigen Kulturschock. Ich überlegte, wie ich wohl möglichst bald wieder nach Südafrika kommen könnte und wünschte mir zu Weihnachten und Geburtstag Hin- und Rückflug nach Johannesburg. Nachdem die ComSAler meiner Idee wiederzukommen nicht ganz abgetan waren, fehlte also nur noch der Termin, der auf die Zeit nach sämtlichen Praktika fiel, 20.08-20.09.2010. So beruhigt startete ich mit verschiedenen Praktika durch und lebte mich in Karlsruhe ziemlich gut wieder ein. Die Zeit flog an mir vorbei, plötzlich war der Abflug nicht mehr weit und auf die Frage "Was erwartest du von deinem Besuch in der ComSA?" fiel mir noch nicht viel Sinnvolles ein. Zum Glück war zu diesem Zeitpunkt das JugendCom Ehemaligentreffen, bei dem ich etwas "ComLuft" schnuppern konnte und JugendCom-Feeling aufkam, das war gut.

In Südafrika angekommen traf ich zunächst auf ein ziemlich dezimiertes Haus, weil die Hermanns mit Linda und Bene im Urlaub waren. Es war sehr schön, wieder in der ComSA zu sein und Ille, Undine und Angelika wiederzusehen, außerdem lernte ich Simon, einen Studenten der Pflege aus Hamburg, kennen. Er beendete während den ersten zwei Wochen meines Besuches sein Praktikum in Mafikeng. Während dieser zwei Wochen war in Südafrika Streik des öffentlichen Dienstes. Es war deprimierend mitzubekommen, wie sehr vor allem Angelika und Undine in Ihrer Arbeit eingeschränkt wurden. Viel Leid zu sehen, wie es durch den Streik entstand, ist eine Sache. Aber den Stillstand zu spüren und dass die Krankenschwestern, AIDS-Berater, Ärzte und Viele mehr im Gesundheitssystem vom Helfen, vom Arbeiten durch die Verfechter des Streikes abgehalten werden, empfand ich als sehr quälend. Auch die Intensität des Streikens war für mich ungewohnt. Ging es beim Streik überhaupt um eine Gehaltserhöhung oder hatte das Ganze nicht viel mehr eine sehr politische Dimension?

Trotz des Streikes konnte ich ein Ziel meiner Reise verwirklichen. Meine Gemeinde in Karlsruhe hatte eine Kollekte für eine südafrikanische Gemeinde gesammelt, nämlich die Kirche von Lebo (eine gute Freundin, die ich beim Tshepanang-Workshop 2009 kennenlernte). Zusammen mit Lebo besuchte ich den Gottesdienst der Lonely Park Methodist Church, wir machten Fotos und gestalteten dann gemeinsam ein Informationsplakat für meine Karlsruher Gemeinde. Darauf beschrieben wir den Fortschritt des Kirchenbaus, der durch die Kollekte unterstützt wurde, und berichteten über den Gottesdienst in Lonely Park.

Nach diesen ersten zwei Wochen war die Com wieder vollzählig, während Simon zu einer Reise Richtung Drakensberge und Garden Route aufbrach. Meine weitere Zeit war sehr ereignisreich: Ich begleitete Angelika insgesamt drei Mal bei ihrer Arbeit und sie brachte mir ihr Trainingsprogramm für Krankenschwestern "IMCI" (Integrated Managment of Childhood Illnesses) näher. Vor allem im Hinblick auf mein jetzt angefangenes Medizinstudium bin ich für diese Erfahrungen, Einblicke und geduldigen Erklärungen unendlich dankbar. Immer wieder begleitete ich Ille zum Kindergarten und folgte der Einladung einer der Mitarbeiterinnen, Mmaputhego, sie Zuhause zu besuchen.

Von Lebo, die ich öfters traf, wurde ich zur Hochzeit einer ihrer Tanten eingeladen. Das war ein unvergessliches und fröhliches Ereignis. Ich besuchte auch eine weitere Freundin von Tshepanang-Workshop 2009, Keikantsemang. Mit ihr hatte ich viel entspannte Zeit und interessante Einblicke, als ich sie zu ihrer Arbeit als AIDS-Beraterin in einer Clinic begleitete. Neben alledem genoss ich das Leben in der Com sehr. Mit Linda brach ich allabendlich zu einem Spaziergang voller Reden und Kichern auf. Christel gab mir ein bisschen Tswana-Unterricht, es gab gute Gespräche, Betrachtung und Filmeabende. In meiner letzten Woche konnte ich auch noch JugendCom-Schwester Sonja treffen.

Viel zu schnell war der Abreisetag gekommen. Eine Reise voller Wiedererkennen aber auch voller neuer Erfahrungen ging zu Ende. Im Gegensatz zu meinem JugendCom-Aufenthalt stieg ich diesmal ganz entspannt ins Flugzeug nach Hause. Warum? Vielleicht war ich gefüllt mit meiner großen Vorfreude aufs endlich anfangende Medizinstudium. Vielleicht hatte ich festgestellt, dass ich wiederkommen kann. Vielleicht hatte das Jahr nach dem Abi meine Sichtweise verändert. Vielleicht...