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Er gab uns den Schlüssel zu den Menschen

Am 06. November starb Dieter Mascher nach langer und schwerer Krankheit in Südafrika. Der Missionar hatte dort 50 Jahre unter den Twanas gelebt und gearbeitet.

Dieter kam zur Tür rein und suchte nach einem starken Stuhl, auf den er sich setzte. Er legte den braunen, abgewetzten Papp-Koffer auf einen anderen Stuhl vor sich und öffnete den Deckel. Heraus quollen alle möglichen Papiere. Bald hatte er das Gesuchte gefunden und hängte ein großes A3 Blatt mit 4 Köpfen an das nächste Regal. Es konnte losgehen…

Dieter legte nun verständlich für jederman/frau dar, dass jeder Mensch verschieden ausgestattet ist was die sprachliche und mathematische-naturwissenschaftliche Begabung angeht, und warum muttersprachlicher Unterricht entscheidend für das Lernen allgemein, die Entwicklung von mathematisch-technischen Begabungen und für die Erlernung von Fremdsprachen ist. Von dort ging es zur Sprachpolitik in Südafrika, Litauen, Russland und Finnland mit einem großen Bogen zu einem weiten Blick auf das Schulsystem und die Fragen der zukünftigen Jugendarbeitslosigkeit in Südafrika.

Dieter hat sich mit großer Ausdauer und Fachkenntnis mit Sprachpolitik, Schulsystemen und Konsequenzen der kolonialen, entfremdeten Unterrichtspraxis beschäftigt. Sein Traum war, dass der muttersprachliche Unterricht auch in Südafrika eingeführt und endlich deutlich würde, dass auch hier hochbegabte Menschen zu finden sind, die ausgebildet kompetent die Geschäfte führen könnten.

In vielen seiner Analysen war Dieter seiner Zeit voraus, oft schien er uns wie ein einsamer Rufer in der Wüste. Manches konnte die Gesellschaft (noch) nicht aufnehmen. Durch das Erbe der Apartheid war der Weg der muttersprachlichen Schulbildung jedoch zu vorbelastet als dass die Regierung diese Vorschläge hätte umsetzen können. Dennoch wurde Dieter nie müde, immer wieder auf Sprachkonferenzen diese Themen und Vorschläge zu präsentieren. Seine Begeisterung und Hochbegabung in Sachen Sprache war nicht zu überhören. Er war ein echter Linguist.

Dieter war aber auch Missionar, ein geistlicher Mensch und treues Mitglied der Koinonia. Er kam 1964 mit Maria Mascher nach Südafrika, um hier seine Hingabe an Gott zu leben und als Pastor die hiesige Kirche, die ELCSA, zu unterstützen. Er erlebte die Hoch-Zeit der Apartheid, deren Fall und den politischen Wandel in die demokratische Gesellschaft hinein. Die tägliche Meditation war fester Teil seines Lebens. Bei seinen Deutschlandaufenthalten warb Dieter für Laien-Missionare, Menschen, die als bewusste Christen ihren Beruf als Gabe in Südafrika einbringen wollten. Er hat einige Missionare wie auch uns in der Communität Koinonia ins Land gerufen. Um sinnvoll in Südafrika zu arbeiten, war es nötig, die Ortssprache so gut wie möglich zu lernen. Dieter diente der Kirche, der Mission und uns als Sprachlehrer. Es war ein großes Privileg, dass wir bei Dieter die Tswana-Sprache lernen durften. Er gab uns den Schlüssel zu den Menschen, wofür wir ihm immer dankbar sein werden.

Im Tswana-Unterricht vergass sich Dieter völlig. Er wurde das Sprachrohr für die Vermittlung der schönen und auch schweren Sprache für uns. Dieter verstand es, uns in den Bann zu ziehen. Es gibt Vokabeln, die er so plastisch darstellte, dass man sie einfach nicht vergessen kann: Er lehrte dramaturgisch. Wir hatten Tswana-Unterricht an den unmöglichsten Orten: in einer Halle bei einem Retreat Wochenende, im Keller der Deutschen Gemeinde, in einem Guesthouse, unter einem Schattendach – sogar mal in Deutschland. Jede Möglichkeit wurde genutzt.

Als Pastor in der ELCSA hat Dieter bescheiden und entschieden seinen Dienst getan, mit der treuen Hilfe von Maria, bis ins hohe Alter hinein. Er hatte viele Stellen inne, kleine und große. Er war Pastor in Farmgemeinden, war Dean (Dekan), stellvertretender Bischof, Berater, und auch Kirchbauer. Durch seine Gründlichkeit gelang es ihm, oft mit wenig Mitteln viel zu schaffen. Eines seiner Prinzipien war so zu arbeiten, dass jeder nachfolgende einheimischer Pastor mühelos seine Arbeit fortsetzen konnte. Er schaffte Strukturen und Vertrauen. Er setzte sich für die Menschen in den Dörfern und unteren Gesellschaftsschichten und für ihre Rechte ein; z.B. machte es ihm wenig aus, für etwa 10 Gemeindeglieder, 2 Stunden Sandstraße auf sich zu nehmen. Unter den Tswanas war Dieter ein geschätzter Ratgeber, Pastor und Gelehrter. Er war immer auf dem Neusten Stand was Politik und Bildung anging.

Dieter war ein beeindruckender Mann, mit genialer Sprachbegabung, aber auch starken Begrenzungen auf anderen Gebieten. Maria stand ihm besonders in diesen Begrenzungen immer hilfreich zur Seite. Mit zunehmendem Alter und abnehmenden Kräften lernte Dieter aber noch Neues dazu, sowohl auf seinem Spezialgebiet der Sprachen, wo er sich die letzten Jahre mit der Koisan-Sprachgrammatik beschäftigte, als auch im Gebiet seiner Begrenzungen. Die Zeit der Krankheit von Maria und später die der eigenen hat uns eine neue Seite an Dieter kennenlernen lassen. Sein Leben hat sich mit seiner langen Krankheit abgerundet und vervollständigt.

Robala ka kagiso, Mokwena! (Schlafe in Frieden, Mokwena – dieser Name bedeutet „der das Krokodil ehrt“ in der Sprache der Bakwena, einer Untergruppe der Tswana, unter denen Dieter und Maria Mascher ihren Dienst in Südafrika begonnen haben)

Undine Rauter

10 Jahre Tsibogang Christian Action Group – warum wir noch weiter machen

Am 1. Dezember 2012- am World AIDS Day- feierte Tsibogang Christian Action Group ihren zehnten Geburtstag. Im Jahr 2002 hatten sich auf Einladung von Father Meindl Christen verschiedener Kirchen zusammengefunden, um nach einer christlichen holistischen Antwort auf die bedrohliche AIDS Krise in unserem District zu suchen und hatten den eingetragenen Verein gegründet.

Zu unseren Fest hatten wir außer unsren jetzigen Mitgliedern in besonderer Weise unsere ehemaligen Mitglieder eingeladen. Zur Feier des Tages wurde eine Kuh geschlachtet. Tshegofatso Nkate, der erste Chairperson von Tshepanang brach in Tränen aus, als er sich in seiner Rede an die Geschichte erinnerte, die ihn dazu geführt hatte, Peer Educator zu werden. Er ist jetzt ein Computer Spezialist der ABSA Bank. Evelyn Kelatwang, prominente ehemalige Chairlady von Tlamelang erzählte von so genannten aussichtlosen Fällen, die durch die Fürsorge unserer Hauspflegehelfer wieder auf die Beine kamen. Punny Pule, die mit ihrem Mann Gunston im Jahr 2003 die Selbsthilfe Gruppe für HIV Positive Amogelang gegründet hatte, strahlte in ihre Rede viel ansteckendes Selbstbewusstsein aus: Wir haben den Kampf gegen HIV schon fast gewonnen, wenn wir uns selbst annehmen können. Fuenf Slide Shows, die wir nur durch die Hilfe der Praktikantin Gesa Koehler tatsächlich fertig stellen konnten, ließen an unseren Augen noch einmal die zehn Jahre vorüberziehen. Die Mitglieder merkten nicht nur, dass sie selbst älter geworden sind, sondern sahen auch noch einmal den großen Segen, den Gott in diese Arbeit gelegt hat. Das hat uns alle mit großer Dankbarkeit erfüllt.

Die Rückkehr von Angelika Krug und Ilse Marie Hiestermann, die bei dieser Feier offiziell verabschiedet wurde, nach Deutschland hat auch in uns Verbleibenden die Frage laut werden lassen, ob nicht auch für uns die Zeit gekommen ist, zu gehen. Ist nicht gerade ein Zehnjahresfest eine geeignete Zäsur für so einen Schritt? Verschärft wurde diese Frage durch den rauen Gegenwind, der uns bei unserer Arbeit in Tsibogang im Jahr 2012 entgegen blies. Die finanzielle Situation war durch ruecklaeufige Beitrage der großen Spenderorgaisationen so angespannt, das wir die Aufwandsentschädigung fuer unsere Care Givers (Hauspflegekräfte) kürzen mussten. Wir hatten die Hoffnung, dass einigen unserer ausgebildeten Child and Youth Care Workers in unserer Organisation verbleiben und durch das Department of Social Development(Sozial Ministerium) ein angemessenes Gehalt bekommen. Aber durch die Manoever der zuständigen Direktorin vom Sozialministerium wurden sie und der Safe Park, wo sie arbeiten, schließlich einer anderen Organisation unterstellt, deren Leiterin eine dicke Freundin der Direktorin ist.

Wird Tsibogang und werden auch wir hier noch gebraucht? Wir haben auch in dem Gegenwind und in dem Schmerz über unseren schwindenden Kräfte auf diese Frage ein klares JA gehört. Die südafrikanische Gesellschaft wird durch die in allen Bereichen wütende Korruption mehr und mehr zerfressen. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind besonders das wachsende Heer der arbeitlosen Jugendlichen (die Arbeitslosigkeit in der Altersgruppe 15-24 Jahre liegt bei über 50%) sowie die Waisenkinder (über 2 Millionen) und die vernachlässigten Kinder. Uns erschrecken Berichte unserer Mitarbeiten besonders aus dem Lehurutshe Gebiet, dass sich der Satanismus rasant unter der Jugend ausbreitet. Selbst Pastoren der unabhängigen Kirchen gehören zu den Drahtziehern. Kinder und Jugendliche verschreiben ihre Seele dem Satan, weil sie sich davon schnell gewonnenen Reichtum und Macht erhoffen. Sie werden bereit gemacht zu kriminellen Handlungen bis hin zum Mord an Verwandten. Unsere zwei Kindergärten und vier After School Programme versuchen da etwas dagegen zu setzen. Sie sollen ein geschützter Raum sein, wo Kinder lernen und sich entfalten können. Jedes „Gramm“ Bildung und bestimmt noch mehr die Erfahrung gewollt und geliebt zu sein, kann Kindern helfen, sich zu echten Persönlichkeiten zu entwickeln.
Bei unserem letzten Tshepanang Workshop haben wir ein neues Curriculum eingeführt. „Values for Kids“ versucht den Kindern die Geschichte Nehemias nahe zu bringen, der den Mut aufbrachte, die zerfallenen Mauern Jerusalems wieder aufzubauen. Welche Mauern sind bei uns zerbrochen und wie können wir sie wieder aufbauen? Das ist die Frage, die unsere 40 Peer Educators jetzt den knapp 4000 Schülern stellen, die sie an 18 Grund- und Mittelschulen unterrichten.
Im vorletzten Jahr haben wir in Tlamelang, der Gruppe der Home Care Givers, begonnen kurze Retreats durchzuführen. In den Austauschrunden hörten wir erschütternde Berichte, was sich in den Familien unserer Mitarbeiter abspielt. Viele hoben hervor, wie viel ihnen die Zugehörigkeit zu Tsibogang in dieser Situation bedeutet.

Tsibogang kann all diese gewaltigen Probleme natürlich nicht lösen, aber es ist doch so etwas wie eine Insel der Hoffnung in einem Meer von Verzweiflung. Es ermutigt uns sehr, dass wir dabei nicht allein sind. Neben vielen kleinen Initiativen, die uns jeden Tag begegnen, möchte ich zwei Beispiele nennen, die hier Schlagzeilen machen. Da ist die unerschrockene Thuli Madonsela, die als Public Protector nicht müde wird, korrupte Praktiken in der Regierung anzuprangern und Dr. Mamphela Ramphele, die ehemalige Freundin von Steve Biko, die mit ihren Büchern der vernachlässigten Jugend Mut macht, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und die in dieser Woche die Gründung einer neuen Partei verkündet hat. Der Name der Partei ist Agang, d.h. Baut auf!

Wolfgang Hermann

Geschwisterschaft auf dem Weg

Vor nunmehr fast einem Jahr betrachteten wir auf unserem Konvent zu Judika die Emmausgeschichte. Wir fanden uns als Gemeinschaft wieder in diesen zwei Jüngern, deren Ausgangspunkt eine enttäuschte Hoffnung war und die nun in das Alltäglich-Vertraute zurückkehren wollten. Und wir wurden gestärkt durch das Betrachten ihres geduldigen Wegbegleiters und der Neubelebung ihrer Hoffnung am Ziel des Weges.

Ent-täuschung, diese schmerzliche und zugleich heilsame Erfahrung begleitet uns in der Geschwisterschaft seit einiger Zeit:
Als studentische Gemeinschaft mit Wurzeln in der Jugendarbeit und dem dazugehörigen Idealismus und Radikalismus gestartet, erleben wir seit Jahren, dass der Elan und manchmal auch Übermut der Anfangszeit sich lange schon verabschiedet haben. In einer Gemeinschaft von inzwischen berufstätigen Familienmenschen sind die Beanspruchungen ganz andere. Wir gestanden uns zu, dass unsere Kräfte begrenzt sind und trauerten gleichzeitig doch immer noch dem Schwung der Anfangsjahre nach. Enttäuschungen waren das, immer wieder auch über uns selbst.
Geschwisterschaft, das war zunächst ein loser Freundesbund um die Communität, der sich dann im Laufe der Jahre immer stärker als eigene Gemeinschaftsform erlebte, gebunden an dieselbe Geistliche Ordnung. So wandelte sich das Selbstverständnis von einem konzentrischen Modell hin zu der Ellipse mit zwei Brennpunkten: Communität und Geschwisterschaft. Und doch blieb da immer ein Grundgefühl von Unterlegenheit, von einem Weniger im Gegenüber zur Communität. Wir erlebten uns da nicht auf Augenhöhe. Enttäuschungen – auch im erlebten Miteinander unserer Gemeinschaften. Im letzten Jahr mischten sich da hinein nun auch Verunsicherungen und Enttäuschungen über die Personen unserer Gründer und Anfragen an den Geist der Gründungszeit.

Heute fragen wir: Wie sieht es bei uns aus mit dem Verhältnis von Autonomie und Gemeinschaft, von Selbstbestimmung und Einordnung, von Eigenverantwortung und Geführt- bzw. Getragen-Werden? Wir betonen die Verantwortung, die Jede(r) von uns hat, erst einmal „ich“ sagen zu können und fragen uns gleichzeitig, wie wir dann neu zu einem „wir“ kommen. Wir sehen rückblickend, dass gerade unsere jugendbewegten Anfänge uns anfällig gemacht haben, das „Ich“ zu wenig zu betonen im Zuge einer Begeisterung für die großen Ideen des „Wir“. Intensiv sind wir dabei, unsere ausgesprochenen und vor allem auch unausgesprochenen Verbindlichkeiten und Prinzipien zu überprüfen, um zu verhindern, dass unsere Gemeinschaft in Unfreiheit führt. Wir befragen daraufhin z.B. unsere Praxis in Einkehr und Begleitung oder auch unsere Kommunikationswege und – stile, insbesondere im Konfliktfall. Aber die Frage bleibt, wie aus diesen vielen Ichs ein neues Wir erwachsen kann, und wie Begeisterung neu lebendig werden kann.

In diesem Prozess begegnet uns beim Blick über den Tellerrand zu anderen Gemeinschaften, die ähnliche Prozesse durchlaufen haben, das Stichwort „Refounding“, zu übersetzen mit „Neugründung, was so viel meint wie das Wiederentdecken des Gründungscharismas. Also das wieder Freilegen der Glaubenserfahrung, der Gottesbegegnung, die die Gründer einer Gemeinschaft eben zu dieser Gründung geführt hat. Dabei gilt es alles loszulassen, das sekundär mitgewachsen ist, aber vielleicht den Blick auf den Kern, die eigentliche Berufung und Sendung einer Gemeinschaft verstellt.

Für uns als Geschwisterschaft Koinonia heißt das: Was ist unser Gründungscharisma? Welche Gotteserfahrung war es, die die Gründer bewegt hat, gerade in dieser Form, in dieser Gemeinschaft Christusnachfolge leben zu wollen? Ist er noch lebendig, dieser Gründungsimpuls, und wie kann er uns heute neu lebendig machen? Und bei aller strukturellen Arbeit, aller Aufklärung und Neuinterpretation müssen wir eingestehen, dass wir dies überhaupt nicht in der Hand haben. Es liegt in Gottes Hand, ob es diese Neugründung für uns geben wird, ob wir neu begeistert werden für die Christusnachfolge in der Koinonia; ob wir entdecken dürfen, wie unser gemeinsamer Weg weitergehen kann, als die Menschen, die wir heute sind, geprägt und herausgefordert durch unsere Zeit.

Der Weg nach Emmaus – er wird wohl noch eine Weile dauern. Wir vertrauen darauf, dass Christus mit uns unterwegs ist und hoffen auf die Begegnung mit dem Lebendigen, der uns die Augen öffnet. Damit wir erkennen, wie und wozu wir gemeint sind. Für all Ihr Mitdenken und Mitbeten auf diesem Weg sind wir dabei sehr dankbar!

Für die Geschwisterschaft: Sabine Friebolin und Ursel Behrends